Elektronische Gesundheitskarte: Die Karte kommt -- nicht unbedingt pünktlich

  • 13.11.2004 17:42


    Auf dem Jahreskongress der Initiative D21 diskutierten hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Regierung den aktuellen Stand bei der elektronischen Gesundheitskarte. Die Förderung der Akzeptanz dieser Karte, der Einstieg in eine "neue Dimension der [lexicon]Telemedizin[/lexicon]" gehört zu den neuen Leuchtturmprojekten der Initiative. Sie "unterstützt die Einführung durch eine objektive, transparente und glaubwürdige [lexicon]Öffentlichkeitsarbeit[/lexicon], um zu einer hohen Akzeptanz bei allen Zielgruppen beizutragen."


    Dieser Akzeptanz galt die Sorge aller Diskussionsteilnehmer der vollbesetzten Veranstaltung, die mit dem Bekanntwerden der Korruptionsstudie von Transparency International regen Zulauf erhielt. Laut der Studie versickern im deutschen Gesundheitswesen schätzungsweise 20 Milliarden Euro pro Jahr. Mindestens 150 Millionen jährlich können nach Ansicht von Staatssekretär Klaus Theo Schröder allein dadurch gespart werden, dass mit der Gesundheitskarte Informationsprozesse neu geordnet werden.


    Schröder kündigte in Bremen an, dass das Bundesministerium der nunmehr allein verantwortlichen medizinischen Selbstverwaltung in den nächsten Tagen den Auftrag erteilen werde, die Projektgesellschaft zu gründen, die die Karte und die dazu gehörige telematische Infrastruktur realisieren soll. Er machte allerdings auch deutlich, dass der 1.1.2006 als Stichtag zur Einführung der Gesundheitskarte nicht so eng gesehen werden soll und empfahl einen Blick in den Gesetzestext. "Im Gesetz zur Gesundheitsreform heißt es, dass die elektronische Gesundheitskarte zum 1.1.2006 die Krankenversicherungskarte ablöst. Es muss nicht bedeuten, dass zum 1.1.2006 alles auf der Karte drauf ist. Die Karte wird Schritt für Schritt weiter entwickelt", erklärte Schröder.


    Noch deutlicher wurde Roland Sing, ehemaliger Vorsitzender der AOK Baden-Württemberg: "Wir haben relativ viel Zeit mit Organisationsfragen verloren, die jetzt auf einem guten Weg sind. Wichtig ist nun die Zielorientierung. Und die muss nicht unbedingt auf den 1.1.2006 ausgerichtet sein. Wichtiger ist, dass bei der Einführung der Karte Qualität vor Schnelligkeit geht." Sollten keine Anwendungen folgen, die das Potenzial der Karte nutzen, so würden die Bürger keinen Nutzen in der Karte sehen, was das Projekt insgesamt gefährde.


    Aus der Sicht der Ärzte urteilte Siegfried Jedamzik, Vorstandsvorsitzender des Praxisnetzwerkes GOIN. Er verglich die Gesundheitskarte mit einer Black Box. "Die Ärzte wissen kaum Bescheid, was auf sie zukommt."


    Mit vorsichtigem Optimismus möchte hingegen Norbert Englert, "Vice President Business Area eHealth" bei IBM das Thema angehen. Sein Konzern war federführend in der Planung des bIT4health-Connectors, der als Black Box in den Arztpraxen zum Einsatz kommen soll und die [lexicon]Karten[/lexicon] wie die Praxis mit der restlichen Telematik verbindet. Englert betonte, dass die elektronische Gesundheitskarte streng genommen kein IT-Projekt sei, weil nur bekannte Technologien eingesetzt würden.


    Barabara Haaf von T-Systems bekannte in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Arbeitskreises eHealth im Bundesverband Informationswirtschaft, dass es auf die Prozesse ankomme, die mit einer Gesundheitskarte so gestaltet werden könnten, dass Kostensenkungen möglich sind. Die Karte selbst werde eine große Ausstrahlung auf die Entwicklung von internationalen Standards haben, meinte Haaf.


    Heinz Otter, technischer Leiter der österreichischen "Sozialversicherungs-Chipkarten Betriebs- und Errichtungsgesellschaft" berichtete schließlich von den Erfahrungen in Österreich, wo man nach einem Fehlstart inzwischen eine ähnliche elektronische Gesundheitskarte einführt, die mit nachladbaren Anwendungen ausgeliefert wird. Otter erklärte, wie wichtig es ist, dass ein Projekt dieser Größenordnung nicht von einem einzigen Generalunternehmen abhängig ist. Er stellte Gesundheits-, Sozialversicherungs- und Jobkarten in eine Reihe gleichartiger Wege, die zum eGovernment führen und erklärte zur deutschen Diskussion: "Die wichtige Signaturfunktion der Karte schlummern zu lassen, überzeugt mich nicht." Roland Sing forderte schließlich von allen Beteiligten Optimismus und ein frisches Vorgehen. Als Beispiel für einen überzeugenden Schwung zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Kartenlösung verwies Sing auf die packende Kampagne zur Einführung der Postleitzahlen.


    Die für den Schwung bei der Einführung der Gesundheitskarte jetzt hauptverantwortlichen Akteure der medizinischen Selbstverwaltung meldeten sich nicht zu Worte. Sie waren nicht in Bremen anwesend. (Detlef Borchers) / (anm/c't)


    http://www.heise.de/newsticker/meldung/53225

    Statistik: Die einzige Wissenschaft, bei der verschiedene Experten aus denselben Zahlen unterschiedliche Schlüsse ziehen können. – Evan Esar (1899-1995), amerikanischer Humorist


    ... dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist. - G. W. F. Hegel (Inschrift an der Fassade des Stuttgarter Hauptbahnhofs)


    Der schlimmste Fehler, den man im Leben machen kann, ist ständig zu befürchten, dass man einen macht. – Elbert Hubbard (1856-1915), The Note Book


    »Wir, die guten Willens sind, geführt von Ahnungslosen, versuchen für die Undankbaren das Unmögliche zu vollbringen. Wir haben schon soviel mit sowenig solange versucht, dass wir jetzt qualifiziert sind, fast alles mit nichts zu bewältigen.« (Internetfund)


    Erstaunlich, dass Leute mit wenig Ahnung viel Meinung haben.